Sheesh

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Abschied einer langjährigen Aufnahmeleiterin

Die diesjährige EPS war eine Art Abschiedstournee für einige bekannte Gesichter. Doch nicht nur Phil ‘FiLLy’ Klockow und Matthias 'Mase’ Meyer mussten gehen, auch Meike Scheiderich ist von der IFNG-Umstrukturierung betroffen. Die Finals im Gürzenich könnten das letzte Event der kontroversen Aufnahmeleiterin gewesen sein. Der Versuch eines Potraits.

“Haaalt, stop!”, mit ausgestrecktem Arm und gehobener, offener Handfläche hindert Meike Scheiderich Fatih 'gob b’ Dayik daran, noch schnell über die Bühne zu hüpfen. Der ESC-Kapitän und Publikumsliebling wollte sich vorschnell auf seine Einlaufposition hinter dem Vorhang begeben. Sein Vorhaben war allerdings nicht mit Meikes Idee des Handlungsablaufs vereinbar, brav wartete er zusammen mit seinem Team auf Erlaubnis. Meike kann sehr überzeugend sein.
Die blonden Haare energisch zum Zopf gebunden, das Headset als modernes Symbol permanenter Betriebsamkeit und trotz sommerlicher Temperaturen mit Jeanshose und TV-Crew-Weste bekleidet – beim Anblick des langen Arms der Producer-Crew wird schnell klar: Die Bühne ist ihr Territorium und sie meint es ernst. Dass man mit der rigorosen Art nicht immer nur Freundschaften schließt, wird deutlich, wenn man mit den Spielern und ihren Managern spricht. Der Kosename “Bulldogge” ist eine der netteren Beschreibungen für die in halb Europa gefürchtete Aufnahmeleiterin.

Die Masche der Spieler, ihre halbstündlichen Raucherpausen einfach als Pinkelpausen zu deklarieren, hatte sie schnell durchschaut und unterbunden. Sie duldet kaum Ausnahmen, wenn es um die Einhaltung des Eventzeitplans geht. Der russische Quake-Spieler Anton 'Cooller’ Singov, der die Angewohnheit hatte, nach jeder Map eine rauchen zu müssen, musste darunter besonders leiden. Offenbar so sehr, dass er Meike anfauchte, ihn doch bitte nicht wie einen Hund zu behandeln. Beide versprachen sich zu mäßigen, deshalb darf Cooller ausnahmsweise im Backstage-Bereich rauchen, nach jeder zweiten Map.

Während die Spieler auf derlei Veranstaltungen üblicherweise mit Samthandschuhen angefasst, von Managern betreut und von Fans verehrt werden, behandelt Meike sie “bloß wie Menschen, wie du und ich.” Denn mit dem konventionellen eSport hat sie wenig bis gar keine Berührungspunkte. Nach einer Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin, einer dieser Medienberufe, in denen man “alles lernt, aber nichts richtig”, nahm die ESL-Karriere ihren Ursprung in einem Redaktions-Volontariat bei GIGA Green. Als GIGA sich in zwei verschiedene Abteilungen, Berlin und Köln, teilte und sie ihr Volontariat beschäftigungslos hätte absitzen müssen, entschloss sie, sich als zweite Aufnahmeleiterin bei der ESL zu bewerben.

Bei ihrem ersten Turnier, dem IFNG in München, sollte sich entscheiden, ob sie eine Festanstellung erhalten sollte. Dementsprechend nervös war sie. Markus 'botman’ Frey erinnert sich noch lebhaft an das Event: Weil seine Spieler nicht vollständig sind und der Zeitplan sich zu verzögern droht, schreitet Meike zur Tat und droht mit all ihrer Ernsthaftigkeit, dass mTw wohl zu viert zu spielen müsse, sollte der fünfte Mann nicht binnen fünf Minuten auftauchen. Das sorgte für höchst verdutzte und nicht minder verschreckte Gesichter auf Seiten des Clans und eine herzliche Begrüßung als vollständiges Mitglied und zweite Aufnahmeleiterin in der ESL-Familie am Ende des Tages.

Nach einem Jahr stieg sie freiwillig aus und heuerte bei dem Teleshopping-Kanal GemTV an. Doch diese Erfahrung war ziemlich ernüchternd: “Ich hab da eigentlich nur Ringe poliert.” Zu wenig Action, zu wenig Stress. Also zurück zur ESL, diesmal als erste Aufnahmeleiterin. Hier kann sie sich als “Organisationstalent” vollends ausleben. Ein ihrer ersten Amtshandlungen ist die Einführung eines strengeren Verhaltenskatalogs: weniger “Pinkelpausen”, kein Essen, keine Dosen auf der Bühne. Die eSportler stöhnten. Doch mit ihrem strengen Regiment eckt sie nicht bloß bei den Spielern an.
Als während des Gesprächs eine Fotografin der Bild um Erlaubnis bittet, einige Fotos direkt auf er Bühne zu schießen, nimmt Meike sich gerne die Zeit und führt das Boulevard entlang der zulässigen Laufwege. Eine Fotografin der Kölner Rundschau jedoch beförderte sie kurzerhand von der Bühne, als die sich ohne Genehmigung im Sichtbereich der Kameras bewegte. Nicht jeder sieht in derart rabiatem Durchgreifen die eleganteste Lösung für vergleichsweise kleine Verstöße. Besonders ärgerlich ist es, wenn auch verdiente Mitarbeiter der Sponsoren die etwas ruppigere Gangart zu spüren bekommen.

Als ein Intel-Mitarbeiter auf der letztjährigen CeBIT bei einer Siegerehrung der Bühne verdächtig nah kam, wurde er zusammen mit vielen Fotografen nach hinten gedrängt. Der gesetzte Herr machte dabei allerdings keine gute Figur und ging rücklings zu Boden. Wütend stampfte er sogleich zu Produktmanager Michal 'Carmac’ Blicharz und verlangte die sofortige Kündigung der Aufnahmeleiterin. Ein Jahr und einige Auseinandersetzungen später organisiert Meike allerdings immer noch das Geschehen auf der Bühne.
Zwar ist diese undiplomatische Vorgehensweise, die nicht unterscheidet zwischen dem einfachen Zuschauer, potenten Manager, potentiellen Sponsor oder wichtigem Pressevertreter, immer wieder Thema in ESL-internen Meetings gewesen - die Effektivität ihrer Arbeitsweise aber war unumstritten. Deshalb blieb Meike, trotz aller Differenzen, drei Jahre am Stück erste Aufnahmeleiterin. Erst die EPS-Systemumstellung im Winter ließ die gebürtige Bonnerin aufhorchen. Die jahrelange Erfahrung sagte ihr, dass eine einerseits loyale, andererseits aber auch vollbeschäftige Aufnahmeleiterin nach der Reduzierung der Anzahl der IFNGs von zehn auf drei nicht mehr lange nötig sein würde. Jetzt ist es soweit: München, Berlin, Hamburg, Köln, der Kreis schließt sich, die ESL wird nach den Finals versuchen, sich ohne vollbeschäftigte Aufnahmeleiterin durchzuschlagen.

“Ich bin unfassbar traurig, das tut richtig weh”, sagt Meike mit echtem Wehmut in der Stimme, als sie über den Entschluss der ESL spricht, ihren Vertrag nicht zu verlängern. Denn obwohl die Entscheidung rationale, betriebswirtschaftliche Gründe hat, sind die Konsequenzen trotzdem persönliche. Dies hindert Meike aber nicht daran, sich auch auf diesem, ihrem vorerst letzten Event, mit vollem Einsatz einzubringen. Es werden weiter Spieler angewiesen, Kommentatoren informiert, Getränke organisiert, Hostessen gebrieft. Wo sie nächsten Monat arbeitet, weiß Meike noch nicht. Hauptsache nicht im Teleshopping – das wäre ihr wirklich zu langweilig.

Brink: Hoffen auf die Community

Wer, wie, was – Brink? Der neue Teamshooter aus dem Hause Splash Damage will ab heute im eSport-Markt ernst genommen werden und trifft dabei nicht nur auf offene Ohren und Arme. Obwohl Brink vieles richtig macht, steht der Erfolg des Projekts in den Sternen.


Brink möchte das FPS-Genre mit bunten Farben und Elementen aus dem RTS-Bereich neu interpretieren. Für das Erfüllen von bestimmten Aufgaben erhält man Erfahrungspunkte und lässt seinen Charakter so Level aufsteigen und neue Fähigkeiten erlernen. “Mehr Zugänglichkeit und Übersicht, sowie eine seichtere Einstiegskurve“ verspricht sich Steve ‘badman’ Hessel, Community Manager bei Splash Damage, von dem Feature. Er sitzt gut gelaunt in einem Frankfurter Empfangszimmer, bislang läuft für ihn und seine 70 Kollegen bei Splash Damage eigentlich alles nach Plan.

Auch Frankfurt a.M. präsentiert sich von seiner besten Seite. Strahlender Sonnenschein und Temperaturen, die eigentlich zum Chillen im Park einladen, stattdessen versammeln sich einige Dutzend Leute im zehnten Stockwerk des Westhafen Towers um Brink exklusiv anspielen zu können. MTV GameOne ist da ("Wir sind natürlich auf jeder wichtigen Veranstaltung”), erfahrene Spieler aus der Community sind gekommen und die ESL ist gleich mit einer Heerschar Admins in die Finanzmetropole am Main gefahren.

Ein Blick auf die Teilnehmerliste verrät schon die Richtung, in die es für Brink gehen soll. Vertreter direkt aus dem Herzen der kompetitiven Community wurden umworben, nicht bloß die üblichen Verdächtigen wie PC Action, GameStar und Konsorten. Der Online-Multiplayer-Markt, inklusive eSport-Segment, soll angegriffen werden. Dabei geht es hier nur nebensächlich um Gefallen unter alten Bekannten, augenscheinlicher ist die wechselseitige Abhängigkeit. So sehr Brink bei ihrer Positionierung dort auf die ESL angewiesen ist, so sehr erhoffen sich die Kölner durch frische Spiele neue Impulse für den langsam stagnierenden Markt.

Obwohl an dem Tag natürlich anregende Spielerlebnisse in entspannter Atmosphäre im Mittelpunkt stehen sollen und das gesamte Event bloß eine Publicity-Veranstaltung ist, wird erstaunlich oft von Return of Investment, dem eSport und den Casuals die Rede sein. Große Erleichterung angesichts derart vieler Unbekannten herrscht deshalb bei dem Gastgeber, als eine frohe Kunde in den Räumen die Runde macht: Platz 3 auf der Amazon-Vorbestellliste. “Bei einem neuen Projekt tappt man ja erst einmal völlig im Dunkeln”, erklärt Hessel.

Und kaum etwas ist dunkler als die unerforschten Abgründe des eSport, eine kompetente Prognose ist hier kaum abzugeben. “Ihr seid für uns eine vollkommen unbekannte Subkultur”, auch die angehenden Meinungsforscher der Freien Universität Berlin, die auf den IFNG in Berlin durch eine 62 Fragen umfassende Umfrage etwas Licht in die Szene bringen möchten, sind noch ziemlich ratlos. Ein Teamshooter, der sich ausschließlich auf den Multiplayer-Modus beschränkt, ist für jeden Publisher eine riskante Expedition.

Auf der anderen Seite ist der Multiplayer-Markt ein sehr verlockender. Besonders Blizzard zieht viele neidische Blicke auf sich. Daher wird oft versucht über den Umweg Singleplayer-Kampagne, die Käufer auch anzieht, wenn einige Sachen nicht völlig ausgereift sind, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, um dieses erst anschließend im Mehrspieler-Modus an sich zu binden. Eine Strategie, die zwar selten aufgeht, im Falle des Misserfolgs aber eine geringere Falltiefe hat, als ein Spiel, dass ausschließlich für wettkampforientierte Spieler konzipiert ist. DotA und seine Stiefbrüder HoN und LoL könnten der Entwickler-Szene jetzt neuen Mut gegeben haben.

Bei Splash Damage ist man zuversichtlich. “Die Maps werden seit dem ersten Tag ausgiebig getestet und beim Balancing haben wir ein spezielles System, das uns erlaubt, das Spiel durch automatische Updates zu verbessern.” Klingt ganz nett, doch sind das für Mehrspieler-Enthusiasten höchstens Selbstverständlichkeiten, keine ausschlaggebenden Faktoren für den Kauf eines Spiels. Blühende Mehrspielerlandschaften lassen sich schwerlich anhand von harten Kriterien vorhersagen. Mund-zu-Mund-Propaganda, Sogwirkung, Communitynähe und einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, irgendwie darauf kommt es wohl an, so richtig weiß das niemand.

Die Ziele von Brink sind ehrbar, die Marketingstrategie sympathisch, viele Spielelemente innovativ, die grafische Umsetzung zumindest abwechslungsreich. Am Ende steht trotzdem die Frage, ob das reicht, das zurückhaltend, konservative Zielpublikum des neumodisch, alternativen eSport-Markts von sich zu überzeugen.

Kunst im Kinderzimmer

Regelmäßig treffen sich ein paar selbsternannte Experten, Pädagogen, Vertreter von Berufen, die peripher irgendwas mit Medien zu tun haben, und promovierte Künstler. Sie beschließen dann die Welt mit ihrem Gutmenschentum zu bereichern. Wenn es dabei um Computerspiele geht, wird meist die ESL als Kooperationspartner auserkoren und schon steht das Konzept. So ungefähr wird es auch zum Projekt “Artworks Contest - Pic your game life” gekommen sein.


Die Bilder der Gewinner des Contests werden in ganz Deutschland ausgestellt. Im Dezember sind sie in der Stadtbibliothek von Bremen zu finden. Als Bildungsaussiedler und somit ortsunkundiger Mensch muss man sich erst einmal durchfragen, bis man dort im Eingangsbereich steht. Die nette Empfangsdame eilt auch sofort zur Hilfe, als man sich etwas ratlos umschaut. Auf die Frage, wo denn der Artwork Screenshot-Contest zu finden sei, hat sie allerdings keine Antwort. Dafür weiß sie von einer wunderbaren Vernissage, die nächste Woche starten soll. Ihre junge Kollegin erlöst uns schließlich mit der Wegauskunft. Zweiter Stock, links das Rondell entlang und schon sind Sie da. Alles klar.

Die zweite Etage ist die Jugendabteilung der Bibiliothek und die Räumlichkeiten der Austellung entpuppen sich als Computerraum für Schüler. Beim Betreten des Raumes scheint Rooney gerade eine Großchance vergeben zu haben. In der hinteren Ecke sitzt ein Jugendlicher vor dem Bildschirm und spielt FIFA, oder PES. Eines dieser Spiele auf jeden Fall, die dem eSportler vor einigen Jahren mal als Heilsbringer der Branche präsentiert worden sind und die heutzutage eigentlich keine Beachtung mehr genießen, es sei denn man heißt Schellhase und ist Zwilling.
Die Artworks sind im ganzen Raum spärlich verteilt und sehen eigentlich ganz schick aus. Mannsgroße Pappaufsteller, oben der bearbeitete Screenshot, darunter eine kurze Erklärung vom Urheber. Ein paar Erwecken den Eindruck, als wäre nur ein wenig mit Photoshop rumgespielt worden. Bei anderen hat sich der Schöpfer viele Gedanken gemacht. Es geht immerhin um “fette Hardware-Preise”. Das Gewinnerbild zeigt den Hauptcharakter von GTA IV, Niko Bellic, wie er den Spieler beobachtet, wie dieser ihn beobachtet. Eine endloser Kreislauf. Der Künstler will damit die Frage anstoßen, “wer hier überhaupt die Kontrolle über das Geschehen hat”

Die Austellung erstreckt sich über insgesamt drei kleinere Räume. Im zweiten Raum stehen ebenfalls einige PCs, drei Kinder und ein Teenager sitzen davor. Sie haben moderne bürgerliche Namen wie Lasse oder Elia. Ob sie öfter hier wären? Manchmal, sagt einer. Die anderen nicken. “Habt ihr euch die Bilder mal angeschaut?” - “Welche Bilder?”. Irritiert zeigt man auf die Ausstellung, insgesamt sieben Bilder, raumerfüllend. “Ach die. Nö.” Jetzt wollen die Kleinen aber auch mal was fragen, und zwar wie spät es ist. Es ist 15:20 Uhr. Sie zeigen sich hocherfreut über diese Antwort. Bis halb sechs dürfen sie bleiben. Noch zwei Stunden zocken, sie machen sich enthusiastisch ans Werk.

Auch die vierte Person im Raum, ein Junge, dem man annsieht, dass er mitten in der Pubertät steckt, muss passen. Bisher habe er noch nicht die Möglichkeit gehabt, sich die Werke anzugucken. Dann packt ihn das kulturelle Pflichtbewusstsein und er schiebt nach: “Mach ich aber später!”. Bestimmt. Er wendet sich wieder seinem Strategie-Spiel zu. In dieser Abteilung kann man im Unterschied zum Rest der Bibliothek auch ohne Chipkarte grenzenlos spielen.

“Was bewegt Spieler? Was erleben sie? Was wünschen sie sich? Und was haben sie zu sagen?”. Das sind die Fragestellungen, die die Jury des Artworkd Contest klären wollte. Doch wer will sowas wirklich wissen? Kinder und Jugendliche, die unmittelbar in der Materie stecken und sich leicht selbst eine Antwort darauf geben könnten? Oder deren Eltern? War die Jugendabteilung in der Bibliothek mit dem Namen “Teen Spirit” einfach der falsche Ort für eine richtige Idee?

Auf der Suche nach einem offiziellen Angestellten der Bibliothek wird man im Nebenraum fündig. Der Bibliotheksmitarbeiter fühlt sich allerdings nicht sonderlich zuständig. Seine Aufgabe sei nicht die Betreuung der Ausstellung, sondern der Service für die regulären Besucher der Bücherei. Bisher sei aber noch niemand wegen der Ausstellung auf ihn zugekommen. Ob er glaube, dass sich das überhaupt jemand explizit ansehen würde? Er schaut ungeduldig und murmelt etwas von “Laufkundschaft”. Anschließend schiebt er mir noch einen Veranstaltungskalender rüber.